Interviews

«Ich sehe mich als Coach»

Kriens, im November 2013 - Das Ausbildungsprogramm iTOP vermittelt Dentalhygienespezialisten umfassende Kenntnis in der individuell trainierten oralen Prophylaxe. Dentalhygienikerin Judith Weiss, 47, aus Weggis LU hat soeben den letzten Seminarblock mit Erfolg – «und einem riesigen Motivations-Rucksack» – abgeschlossen.

«Ich sehe mich als Coach»

Judith Weiss, dipl. Dentalhygienikerin HF: «iTOP funktioniert. Dieses Wissen ist mir Motivation und Antrieb. Auch meine Patienten werden immer besser im Zähneputzen, das motiviert zusätzlich.»

Frau Weiss, Sie sind zurück aus Prag, wo Sie an einem iTOP-Seminar zusammen mit Dentalprofis aus ganz Europa das Zähneputzen gelernt haben. Entschuldigen Sie bitte: Können DHs das noch nicht?
Judith Weiss: Natürlich können sie die Zähne putzen. Die Frage dabei ist: Können sie es schonend und gleichzeitig effektiv? Vor genau dieser Frage stand ich selbst, als ich 2011 erstmals ein iTOP-Seminar besucht habe. Warum soll ich etwas lernen, das ich schon kann? Dies hat mich neugierig gemacht.

Ist denn Zähneputzen eine Kunst?
Ja und nein. Nehmen wir als Beispiel die Kunst der Malerei. Ein dreijähriges Kind kann ein Bild malen, ein Kunststudent auch. Der Unterschied liegt im Feingefühl, im Üben von Kleinigkeiten, von Exakt- und Genauigkeit. Das ist beim Zähneputzen nicht anders.

Wie lief das iTOP-Seminar ab? Wie müssen wir uns eine solche Veranstaltung vorstellen?
An den fünf Vormittagen lehrte Jiri Sedelmayer († 2019) über «Erfolg und Misserfolg in der Mundhygiene und ihre Ursachen». Jiri Sedelmayer († 2019) hat unglaublich viel Erfahrung, denn er war ja jahrelang verantwortlich für die Prophylaxe-Ausbildung der Zahnärzte an der Uni Hamburg. Und nachmittags ging es ans praktische Lernen, Üben und Trainieren der einzelnen Hilfsmittel, wie es perfekt sein könnte.

Könnte?
Ja, denn man fällt immer wieder in alte Putzmuster, die man sich seit Kindheit über die Jahre antrainiert hat – zu viel Druck, zu oft, am falschen Ort... Am iTOP-Seminar übten wir viel gegenseitig, sogenanntes «touch to teach».

Was heisst das?
Bei der Touch-to-teach-Methode führt mein Gegenüber meine Zahnbürste. So lerne ich mich besser kennen, realisiere viel genauer, wo und wie die Zahnbürste reinigt und entdecke dabei auch jene Stellen, die beim Putzen gerne vernachlässigt werden. Dabei empfiehlt es sich, die Augen zu schliessen, so spürt man automatisch besser und putzt mit mehr Gefühl. Ob Kursteilnehmer oder Instruktor – man lernt auch, sich selbst bei der Putztechnik immer wieder aufs Neue zu kalibrieren, damit man nicht zu viel Druck anwendet. Übrigens: Mit geschlossenen Augen zu putzen hilft vor allem bei der Solotechnik, bei der bekanntlich mit einer speziellen Bürste jeder Zahn einzeln gereinigt wird.

Sie stehen seit Jahren im Beruf. Was noch haben Sie an diesem Seminar gelernt?
Gelernt habe ich, dass bei richtiger und schonender Technik und exaktem Trainieren ein gutes Plaque- und Biofilm-Management erreicht werden kann. Auch wie ich dieses Wissen und Können als Instruktorin weitergeben kann.

Das klingt sehr technisch ...
Ich habe durch iTOP gelernt, meine Zähne kontrolliert sanft zu reinigen und mit so wenig Druck, dass es sich anfühlt wie «der Flügelschlag eines Schmetterlings».

Wie haben die anderen Seminar-Teilnehmer auf solche «Belehrungen» reagiert?
Die Dentalprofis kamen aus über zehn Nationen nach Prag mit einem Ziel, sich beim Zähneputzen zu verbessern und zu lernen, diese Form der Mundhygiene weiterzugeben. Wir alle waren begeistert, denn wir wollen alle etwas lernen, und genau deswegen haben wir ja am Seminar teilgenommen. Lebenslanges Lernen – das gilt auch für das Zähneputzen. Und es gibt nichts, das einen mehr motiviert, als unter Menschen zu sein, die alle das Gleiche anstreben. Der Motivations-Rucksack, den ich nach Hause gebracht habe, ist riesig.

Wie erhalten Sie sich diese Motivation?
Meine Motivation sind meine iTOP-Kolleginnen und das Wissen, es funktioniert. Weil es funktioniert, kann ich meine Begeisterung weitertragen.

iTOP steht für individuell trainierte orale Prophylaxe. Wie wichtig ist der Trainingsaspekt?
Trainieren, korrigieren, verbessern – so lernt man, die Hilfsmittel zu beherrschen. An den iTOP-Seminaren wird touch to teach – das gegenseitige Üben – hauptsächlich angewendet.

Wie wichtig ist das Individuelle?
Jede Mundhöhle und jeder Zahn ist individuell und verlangt nach individuellem Training und individueller Mundhygiene.

Und die Prophylaxe, wo beginnt sie?
Mit dem ersten Zahn! Ab diesem Zeitpunkt werden Zähne von Bakterien besiedelt – ich als Dentalprofi habe die Aufgabe, durch iTOP eine Zahn- und Zahnbetterkrankung zu verhindern.

Das verlangt aber nach einem neuen Rollenverständnis: Eine DH kann demnach mehr als nur Karies feststellen und Taschentiefen messen, wenn sie sich als Coach versteht.
Unbedingt! Ich sehe mich als Coach, um aus meinen Klienten Mundhygiene-Profis zu machen. Durch individuelle, klientengerechte Prophylaxe möchte ich den lebenslangen Erhalt ihrer Zahn- und Zahnbettgesundheit anstreben.

Wie reagieren Ihre Klientinnen und Klienten auf diese neue Rolle?
Ich mache erstaunlich gute, positive Erfahrungen als Trainerin. Immer weniger Klienten sehen mich als klassische Putzhilfe. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie aufgebe, nach der Devise «steter Tropfen höhlt den Stein» vorgehe und mit echter Freude von eigenen Erfahrungen und eigenen Schwierigkeiten bei meiner Mundhygiene berichte. Wenn mich zum Beispiel ein unmotivierter Klient ein bis zweimal pro Jahr aufsucht, so frage ich ihn: Wer putzt die anderen 363 oder 364 Tage?

Ihre Erfahrungsberichte motivieren andere. Wie aber motivieren Sie sich selbst?
iTOP funktioniert. Dieses Wissen ist mir Motivation und Antrieb genug. Denn je besser ich die Technik selber beherrsche, umso besser kann ich mein Können weitergeben. Der Austausch unter Dentalprofis, wie ihn ein iTOP-Seminar ermöglicht – dieses Gefühl, zu einer Familie zu gehören – motiviert ungemein.

Wenn Sie an Ihre Klienten denken: Was benötigen diese am meisten?
Wissen, Informationen und Erklärungen was sie selbst zur Zahn- und Zahnbettgesundheit beitragen können. Viele meiner Klienten sind überrascht, wenn ich ihnen beispielsweise die feinen Interdentalbürsten zeige: Das habe ihnen noch niemand erklärt, sagen sie, das würden sie noch nicht kennen. Andere kommen im Glauben, dass eine bestimmte Zahnpasta mit Granulaten oder Zahnspülung sogar die Zahnzwischenräume reinigt, weil es im Werbespot versprochen wird.

Hand aufs Herz: DHs sind doch schon froh, wenn ihre Patienten überhaupt putzen und hin und wieder Zahnseide verwenden.
Das mag für einige gelten. Nun liegt es an mir, dies zu ändern. Es liegt an mir, den Klienten in gezieltem und mechanischem Plaquekontroll-Management zu unterrichten. Ihm zu demonstrieren, warum Zahnseide häufig verletzend ist, während Interdentalbürstchen Zahnzwischenräume schonend reinigen. Es liegt an mir, ihm zu erklären, was Zahnfleischbluten bedeutet: «Willst du deinen Feind schlagen, musst du ihn kennen», sagte schon Napoleon. Das trifft auch auf die Mundgesundheit zu.

Wann sind Sie als DH erfolgreich?
Wenn ich zufriedenere und gesündere Klienten, die Freude an ihrer Mundhygiene haben, wiedersehe oder wie kürzlich passiert, ein Kunde im Zug beobachten konnte, welcher sich intensiv in der Solotechnik übte.

Im Zug?
Ja, das mag sich seltsam anhören. Aber im Gegensatz zum üblichen Zähneputzen stellt die Solotechnik nämlich überhaupt keine Belästigung der Mitreisenden dar.

iTOP arbeitet mit Mundhygieneprodukten von CURAPROX, weil diese die hohen Anforderungen der Instruktoren erfüllen. Was ist Ihr Eindruck?
Es geht nicht nur um die Anforderungen der Instruktoren, sondern um die Ansprüche aller Anwender, auch der Klienten. Für eine schonende und effektive Mundhygiene nach der iTOP-Philosophie sind feine, dicht besetzte Zahnbürsten und Interdentalbürsten mit passend langen Borsten unabdingbar.

Wie würden Sie Ihre Kolleginnen für den Besuch der iTOP-Seminarreihe begeistern?
Ich bin eine iTOP-lerin aus Überzeugung, denn ich habe gesehen, dass es funktioniert. Man muss die Methode selber erfahren und selber fühlen, dass es nichts Besseres gibt. Und – ebenso wichtig – dass mit iTOP an Zahn und Zahnbett nichts traumatisiert wird.

iTOP Schweiz, Daten 2014
iTOP Basis:


Für weitere Informationen und zur Onlineanmeldung:
www.itop-dental.ch

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