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Im Gespräch mit Edith Maurer Bussink, Dentalhygienikerin

Kriens, Dezember 2013 – Edith Maurer Bussink, 56, führt ihre Dentalhygiene-Praxis in Biel Benken/ BL.

Im Gespräch mit Edith Maurer Bussink, Dentalhygienikerin

Gesprächs-Auftakt: die Themen

Edith Maurer, DH zu sein, was bedeutet das? Zahnstein, Zahnstein, Zahnstein?
Tatsächlich gibt es viel zu putzen und zu kontrollieren. Erfreulich ist, dass Karies immer weniger vorkommt. Trotzdem gibt es viele Schäden: Die Leute putzen oft zu viel und mit zu viel Druck.

Man kann zu viel putzen?
Eigentlich nicht, aber wenn man immer mit viel Druck putzt, vor allem mit einer mittelharten oder gar ganz harten Zahnbürste, schmirgelt man sich sich mit der Zeit die Zähne ab. Auch das Zahnfleisch geht zurück, die Zahnhälse werden freigelegt.

Das tut weh.
Ja, und es gibt noch ein anderes Problem mit dem Zahnfleisch, und das tut nur ganz selten weh: die Zahnfleischentzündung, Gingivitis genannt, die ist extrem weit verbreitet.

Was ist da das Problem?
Nur ein Zahnarzt oder eine DH kann sie sicher diagnostizieren. Geht man nie zur Kontrolle, bemerkt man sie nicht, und über die Jahre führt sie zu einer anderen Erkrankung, der Parodontitis. Zahnausfall wird sehr wahrscheinlich.

Und was kann man da tun?
Einiges, es ist aber alles sehr aufwändig. Am besten ist es, die Zahnfleischentzündung sofort zu kurieren und sie dann nicht mehr zuzulassen.

Ist das schwierig?
Nein, alles andere als das. Es ist wirklich sehr einfach. Man muss nur zeigen, wie es geht.

Der Zahnfleischsaum

Wie kuriere ich eine Zahnfleischentzündung?
Die Plaque muss weg, das ist das Geheimnis. Das Problem ist, dass viele Leute nur die Zähne putzen.

Was denn sonst?
Den Zahnfleischsaum. Das ist entscheidend.

Was ist der Zahnfleischsaum?
Das ist die ganz kleine Furche zwischen Zahn und Zahnfleisch. Hier setzen sich die Bakterien fest und bilden Beläge. Hier ist die Ursache der Zahnfleischentzündung.

Also statt der Zähne den Zahnfleischsaum reinigen?
Das ist sehr zugespitzt formuliert, aber im Prinzip ja. Denn wer den Zahnfleischsaum reinigt, reinigt auch die Zähne.

Wie das?
Indem man die Zahnbürste richtig ansetzt: Die eine Hälfte der Borsten liegt auf den Zähnen, die andere auf dem Zahnfleisch. Und man hält sie leicht schräg, sodass die Borsten in Richtung Zahnfleischsaum schauen.

Und dann?
Jetzt putzt man in kleinen Kreisen, mit möglichst wenig Druck. Dazu braucht man eine besonders weiche Bürste mit ganz feinen Borsten.

Warum?
Feine Borsten, damit sie leicht in den Zahnfleischsaum gelangen. Und besonders weich, damit man den Saum nicht verletzt.

Sind denn Verletzungen häufig?
Ja, denn um den Saum zu erreichen, muss man bei mittelharten oder gar ganz harten Bürsten sehr stark drücken, und das führt zu Verletzungen. Es kommt zu Zahnfleischrückgang und freiliegenden Zahnhälsen.

Zahnseide

Also sind weiche Zahnbürsten sehr wichtig?
Oh ja. Ich sehe auch oft Stellen am Zahn, die geradezu weggeschmirgelt sind.

Nur wegen einer falschen Zahnbürste?
Oft wird ja gleich nach dem Essen geputzt, da hat es viel Säure im Mund, und die verstärkt den Effekt.

Also besser gar nicht putzen?
Nein, putzen ist schon gut, aber es ist besser, eine halbe bis eine ganze Stunde zu warten, bis sich der Säure-Basen-Spiegel wieder normalisiert hat. Und wirklich mit einer weichen, dichten Bürste.

Und gleich mit Zahnseide?
Einmal täglich reicht, abends vor dem Zähneputzen. Aber auch da sollte man aufpassen, dass man sich nicht verletzt.

Inwiefern?
Meistens braucht man ziemlich Druck, um die Zahnseide zwischen die Zähne zu drücken. Und plötzlich hat man sie da durch, und dann ist man so überrascht, dass die Zahnseide ungebremst ins Zahnfleisch schneidet.

Ist das schlimm?
Naja, macht man das immer, zieht sich das Zahnfleisch zurück.

Was tun?
Zahnseide nur da einsetzen, wo man sie wirklich braucht. Meistens ist das nur bei den Schneide- und den Eckzähnen.

Nur da? Warum?
Schneide- und Eckzähne sind an den Seiten schön glatt, da kann Zahnseide Beläge sehr gut entfernen.

Und die anderen Zähne?
Die anderen Zähne haben Nischen, und da spannt sich die Zahnseide einfach drüber. Geputzt wird da kaum etwas.

Anatomie der Backenzähne

Woher kommt das?
Front- und Eckzähne haben nur eine Wurzel, Seiten- und Backenzähne jedoch zwei. Und im Oberkiefer haben die Backenzähne sogar drei Wurzeln. Deswegen sind Seiten- und Backenzähne nicht gerade wie die Frontzähne, und sie haben diese Einziehungen, inbesondere im Zwischenzahnbereich.

Und diese Einziehungen, wie muss man sich die vorstellen?
Am besten als nach innen gebogene Nischen, als hervorragene Verstecke für Bakterien zwischen den Zähnen.

Mit der Zahnbürste erreiche ich die nicht?
Nein, und Zahnseide spannt sich ja über diese Nischen. Es braucht Flaschenputzer im Kleinstformat. Mit langen Borsten, damit sie in diese Nischen gelangen und wirklich putzen.

Und wenn ich darauf verzichte?
Dann beginnt sich das Zahnfleisch zwischen den Zähnen gegen die Bakterien zu wehren.

Wie?
Es verändert sein Klima, es entzündet sich, damit es den Bakterien nicht mehr gut geht...

... und das hilft?
Nein. Genau diejenigen Bakterien, die man nicht haben will, vermehren sich dann enorm schnell. Und die guten Bakterien geraten in Unterzahl, es gibt kein Gleichgewicht mehr.

Oje.
Ja. Die Entzündung wird immer schlimmer, man merkt das nicht einmal. Es kommt zur Parodontitis. Erst wenn der Zahn draussen ist, erholt sich die Situation. Aber was mache ich ohne Zähne?

Da kann man sich ja ein Implantat setzen.
Klar, aber auf Implantate muss man noch besser aufpassen als auf natürliche Zähne.

Implantat

Wieso das? Implantate sind ja nicht kariesanfällig?
Naja, es sind einmal mehr die Entzündungen. Das Zahnfleisch um ein Implantat ist anfälliger für Entzündungen – und damit für Parodontitis – als ein natürlicher Zahn.

Wie das?
Es hilft, wenn man versteht, wie das bei einem natürlichen Zahn ist: Der hat einen Zahnfleischsaum, und weil sich Bakterien unglaublich gerne am Zahnfleischsaum sammeln, hat der Körper zwei Strategien entwickelt, diese Bakterien zu bekämpfen.

Welche?
Eine starke Durchblutung und das Ausschwemmen.

Was bringt diese Durchblutung?
Sie bringt die Stoffe, die Bakterien abwehren, genau dahin, wo sie nötig sind. Genau deshalb ist das Gewebe um den natürlichen Zahn herum sehr stark durchblutet. Die Abwehrstoffe gelangen so nah an den Zahn und den Zahnfleischsaum wie nur möglich und können so die Bakterien bekämpfen.

Und das Ausschwemmen?
Der Zahnfleischsaum produziert eine Flüssigkeit, die sogenannte Sulcus-Flüssigkeit.

Also Speichel?
Nein, Speichel ist wieder etwas anderes. Der kommt aus den Speicheldrüsen. Die Sulcus-Flüssigkeit hingegen wird rund um den Zahn im Zahnfleischsaum produziert. Und diese Sulcus-Flüssigkeit schwemmt an den Zahnfleischsaum hoch und versucht so, die Bakterien wegzuschwemmen. Wie ein kleiner Bergbach sozusagen.

Und beim Implantat?
Da ist eben die Durchblutung beeinträchtigt. Und Sulcus-Flüssigkeit wird keine mehr produziert.

Wie kommt das?
Der Ort, wo vorher der natürliche Zahn gesteckt hat, das sogenannte Parodontium, ist stark vernarbt. Es gibt eigentlich nur noch Knochen und Schleimhaut. Die fein verzweigte Struktur von Äderchen ist mehr oder weniger zerstört. So kommen die Abwehrstoffe kaum dahin, wo sie eigentlich benötigt würden.

Was kann man da tun?
Der Zahnfleischrand um ein Implantat herum muss wirklich gut gereinigt werden, besser noch als beim natürlichen Zahn. Interdentalbürsten sind also unverzichtbar, je feiner, je besser. Es gibt Bürstchen und Zahnseide, die speziell für die Pflege von Implantaten entwickelt sind. Die haben den Vorteil, dass ihre Borsten auch unter den Kronenaufsatz des Implantats gelangen. Ich empfehle, zweimal täglich ganz sorgfältig rund um das Implantat zu reinigen.

Und wie?
Am besten ist es, man lässt sich das vom Zahnarzt oder der DH genau zeigen. So ist auch sichergestellt, dass die Bürstchen die genau richtige Grösse haben. Sind sie zu klein, reinigen sie nicht. Sind sie zu gross, kann es zu Schäden kommen. Zusätzlich kann sich eine Schallzahnbürste bewähren.

Was ist das?
Eine elektrische Zahnbürste, die mit über 30'000 Schwingungen reinigt.

Vorteile der Schallzahnbürste

Reicht eine Handzahnbürste nicht aus?
Doch. Wer gut putzen kann, ist mit einer Handzahnbürste gut bedient. Schallzahnbürsten erleichtern aber die Reinigung.

Was ist der Unterschied zwischen den verschiedenen elektrischen Zahnbürsten?
Es gibt solche, die eine runden Bürstenkopf haben, der sich hin- und herbewegt, also oszilliert. Die reinigen sehr gut; das Problem ist nur, dass viele Leute zu fest drücken. Da kann es zu Schäden am Zahnfleisch und Zahnhälsen kommen.

Und bei Schallzahnbürsten?
Da kann das nicht passieren, weil die Borsten erlahmen, wenn man zu fest drückt. Zu Verletzungen kann es also nicht kommen. Aber Schallzahnbürsten haben ein weiteres Plus.

Welches?
Schallzahnbürsten reinigen auch da, wo die Borsten gar nicht hinkommen.

Das ist ja wie Zauberei?
Ja, man nennt das den hydrodynamischen Effekt.

Und wie funktioniert das?
Die Borsten bewegen sich mit über 30'000 Schwingungen pro Minute. Das ist so schnell, dass sie das Gemisch aus Speichel, Wasser und Zahnpasta richtiggehend im Mund herumschleudern. So trifft dieses Gemisch auch auf die Plaque, die zwischen den Zähnen ist, und das mit hoher Geschwindigkeit. Und so wird auch dort Plaque weggeputzt, wo die Borsten gar nicht hinkommen.

Und wo ist das?
Zum Beispiel wird der Zahnfleischrand viel besser gereinigt. Oder zwischen den Zähnen.

Die eigenen, ein Leben lang

Braucht es dann keine Zahnseide und keine Interdentalbürsten mehr?
Doch, es ist besser, Zahnseide und Interdentalbürsten zusätzlich zu verwenden.

Der Aufwand fürs Zähneputzen ist also ziemlich gross. 
Naja, es geht. Morgens die Zähne und abends Zähne und Zahnzwischenräume putzen. Mittags kann man, wie ein Professor gesagt hat, einfach eine Ehrenrunde drehen, um das Gröbste zu reinigen. Das reicht.

Kann man Zähne ein Leben lang behalten?
Ja, und hat man das als Ziel, nimmt man diesen minimen Aufwand ja gerne auf sich. Wer je einen Zahn verloren hat, weiss, das ist fast schon eine traumatische Erfahrung. Umso schöner ist es, ein Leben lang mit den eigenen Zähnen lachen zu können. Es gibt übrigens eine noch bessere Möglichkeit, die Zähne ein Leben lang zu erhalten. 

Ja?
Die liegt in der Solotechnik. Das heisst, man putzt jeden Zahn einzeln, mit einer ganz speziellen Einbüschel-Bürste. Es gibt Kurse dazu, in denen man sie einzeln putzen lernt. Da hat man fast schon eine Garantie, dass die Zähne ein Leben lang halten.

Nochmals zur Schallzahnbürste: Für wen ist die geeignet?
Eigentlich für alle. Besonders profitieren Personen, die Schwierigkeiten mit dem Zähneputzen haben, also ältere Personen und Kinder. Auch Implantat- und Spangenträger.
Kinder und ältere Personen

Kinder und ältere Personen

Jetzt haben Sie zwei Stichworte genannt: Ältere und Kinder.
Bei Kindern sollte man schon ab dem ersten Zahn putzen, das vergessen viele. Und am besten mit einer besonders weichen Zahnbürste. Zum Beispiel ist die Curakid von Curaprox wirklich sanft, sie wurde deswegen 2013 auch von der Zeitschrift «wir eltern» für die besten Borsten ausgezeichnet

Ist eine sanfte Zahnbürste bei Kindern besonders wichtig?
Ja, erstens verhindert sie Verletzungen. Und zweitens gewöhnt sich das Baby mit einer Zahnbürste, die dermassen sanft ist, ganz spielerisch ans Zähneputzen. Und so mag das Baby das Zähneputzen, weil es da – ganz anders als bei harten Borsten – gar nichts gibt, das wehtut. Es ist wie spielen.

Und bei älteren Personen?
Im Alter reduziert sich der Speichelfluss. Genügend Speichel zu haben ist aber wichtig. Denn er enthält Mineralien, Enzyme und Eiweisse, die für die Mundgesundheit wichtig sind. So empfehle ich eine milde Zahnpasta, besonders die Enzycal von Curaprox, die enthält Enzyme, die schon im Speichel vorkommen und ihn stärken, und ist sogar SLS-frei.

Was ist das Problem mit Sodiumlaurylsulfat?
SLS kommt in fast allen Zahnpasten vor. Es schäumt und hilft ein wenig bei der Reinigung, greift aber die Mundschleimhaut an. Auch wer unter Aphthen leidet, dem empfehle ich eine SLS-freie Zahnpasta.

Danke für das Gespräch.

Edith Maurer Bussink, 56, führt ihre Dentalhygiene-Praxis in Biel Benken/ BL. Dies ist Teil 9 und das Ende dieser Serie.


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